Haruki Murakami: "Geschichtenerzähler für Erwachsene"

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01/03/18

Am 15. und 16. März veranstaltete die Abteilung Orientalistik der Universität Straßburg ein internationales Kolloquium über den japanischen Schriftsteller Haruki Murakami. Eine Gelegenheit mit Antonin Bechler, einem Spezialisten für zeitgenössische japanische Literatur, eine Bestandsaufnahme der Forschungen zu diesem Autor zu machen.

In Japan gab es in den 1970er Jahren zwei Schriftsteller, die unter dem Namen Murakami signierten. Ryu Murakami, Chronist eines gewalttätigen, pessimistischen und chaotischen Japans. 1976 gewann er den Akutagawa-Preis (entspricht dem Prix Goncourt in Japan) und erlangte einen gewissen Ruhm. Aber im Ausland ist seine Leserschaft nach wie vor sehr klein. Der "andere Murakami", zurückhaltender, hat daher erst später Anerkennung erlangt. Heute ist er der meistgelesene und übersetzte japanische Autor der Welt.

Sein Erfolgsrezept? Antonin Bechler, Dozent für Japanologie an der Fakultät für Sprachen, ist der Ansicht, dass die Erklärung in den Themen zu finden ist, die der Schriftsteller anspricht, allesamt universell. "Was Murakami im Grunde macht, ist ein Märchen für Kinder... aber für Erwachsene erzählt. Das ist der Schlüssel seines Erfolgs. Seine Romane bauen auf einer dem Märchen ähnlichen Struktur auf, er inszeniert grundlegende psychologische Phänomene durch eine Handlung und poetische Bilder. Es ist diese Inszenierung, die es einem so großen Publikum ermöglicht hat, sich mit seinen Charakteren und Geschichten zu identifizieren.“ Zum Beispiel: In Kafka am Ufer ist der Text vom Mythos des Ödipus inspiriert. Es wird die Entwicklung eines jungen Mannes geschildert, der seine ursprüngliche Umgebung verlässt und zu ihr, erwachsen geworden, zurückkehrt, nach seiner Reise durch seltsame, fantastische, höllenähnliche Ereignisse.

Eine von Katastrophen geprägte Schreibweise

Für diejenigen, die sich mit Haruki Murakamis Werk befassen, gibt es ein vor und ein nach 1995. In jenem Jahr war Japan vom Erdbeben in Kobe und dem Sarin-Gas-Terroranschlag in der Tokioter U-Bahn geprägt. Antonin Bechler: "Es ist für ihn eine Art Bewusstwerden seiner Verantwortung als Romanschriftsteller, auf Brüche in der Gesellschaft seiner Heimat zu reagieren. So beginnt er, sich zu einer notwendigen Entwicklung in seinem Werk zu äußern, die von der "Distanziertheit zum Engagement" ("detachment to commitment "auf Englisch, der Sprache, in der Murakami es ausgedrückt hat) führen soll.

Dies resultiert auch in einer neuen Wesensart seiner Handlungspersonen. Zuvor waren sie von ihrem sozialen Umfeld losgelöst, sehr stark zurückgezogen oder fast über dieser postmodernen japanischen Gesellschaft stehend. Seit den neunziger Jahren müssen seine Helden jedoch systematisch etwas finden, was verloren gegangen ist, etwas wieder kitten, was zerbrochen wurde. Für den Forscher ist diese Analyse heute als Auseinandersetzung mit dem Japan nach Fukushima interessant.